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Analyse: Der 24/7-Handel mit tokenisierten Aktien auf der Blockchain

Kurz gesagt:

Tokenisierte Aktien handeln rund um die Uhr on-chain, unterliegen jedoch keiner zentralen Preisbindung ausserhalb der Börsenzeiten. Dies führt zu signifikanten Risiken wie Preisabkopplung, Illiquidität und Gegenparteirisiken. Investoren halten keine direkten Aktienrechte, sondern Derivate, die auf der Solvenz des Emittenten basieren.

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1. Strukturelle Erweiterung der Handelszeiten

Während traditionelle Börsen an strikte Handelszeiten gebunden sind, operieren Blockchain-Netzwerke kontinuierlich. Diese Diskrepanz wird durch tokenisierte Aktien überbrückt: Digitale Repräsentationen von Wertpapieren wie Tesla oder Microsoft, die auf Netzwerken wie Ethereum rund um die Uhr handelbar sind.

Emittenten wie Backed Finance ermöglichen dies durch die Verbriefung realer Basiswerte (oder entsprechender Derivate) in ERC-20-Token. Was technologisch wie eine logische Evolution erscheint – die Integration traditioneller Assets in eine dezentrale Infrastruktur – birgt in der Praxis signifikante strukturelle Risiken. Der Handel ausserhalb regulierter Kernzeiten erfolgt ohne die Preisanker und Sicherheitsmechanismen etablierter Börsenplätze.


2. Definition und rechtliche Einordnung

Es ist essenziell zu verstehen, dass tokenisierte Aktien in der Regel keine Aktien im eigentlichen rechtlichen Sinne darstellen.

Der Inhaber wird nicht im Aktienregister eingetragen und besitzt keine Stimmrechte. Technisch handelt es sich meist um strukturierte Produkte oder Schuldverschreibungen, die den Kurs des Basiswerts abbilden (Tracker-Zertifikate).

Funktionsweise:
Ein Emittent hält die zugrunde liegenden Wertpapiere bei einer Depotbank und gibt entsprechende Token auf der Blockchain aus. Der Token-Inhaber trägt dabei das Gegenparteirisiko des Emittenten, da der Wert des Tokens von dessen Fähigkeit abhängt, die Deckung zu gewährleisten.

Primäre Eigenschaften:

  • 24/7-Handelbarkeit: Unabhängigkeit von Börsensessions.
  • Komponierbarkeit: Nutzung in Smart Contracts (z. B. als Kreditsicherheit in DeFi-Protokollen).
  • Abwicklung: Sofortiges Settlement (T+0) auf der Blockchain.


3. Preisfindung im Sekundärmarkt

Tokenisierte Aktien werden primär auf dezentralen Börsen (DEXs) wie Uniswap gehandelt. Dies verändert die Marktmechanik fundamental.

Während klassische Börsen auf zentralen Orderbüchern und Market Makern basieren, erfolgt der On-Chain-Handel peer-to-peer oder gegen Liquidity Pools. Solange die Referenzbörse (z. B. NASDAQ) geöffnet ist, sorgt Arbitrage für eine enge Preisbindung.

Nach Börsenschluss entkoppelt sich der Preis:

  • Der Kurs wird ausschliesslich durch Angebot und Nachfrage auf der DEX bestimmt.
  • Nachrichtenereignisse (z. B. Quartalszahlen) werden im Token-Preis antizipiert, ohne dass ein Referenzpreis existiert.
  • Oracles (digitale Preisschnittstellen) können Referenzdaten liefern, bilden aber ausserhalb der Handelszeiten oft nur den letzten Schlusskurs ab ("stale data").

Dies führt zu einer Situation, in der der Token-Preis ein Eigenleben entwickelt, das erst mit Marktöffnung wieder korrigiert wird.


4. Risikoanalyse

Der Handel ausserhalb regulierter Strukturen erfordert eine präzise Bewertung der spezifischen Risiken.

Preisabkopplung (De-Pegging)

Ohne aktiven Referenzmarkt fehlt der Anker für die Preisfindung.

  • Szenario: Ein Token schliesst bei 260 USD. Negative Nachrichten erscheinen über Nacht. Der Token fällt auf der DEX auf 240 USD. Die NASDAQ eröffnet am nächsten Tag bei 250 USD.
  • Konsequenz: Arbitrageure nutzen diese Ineffizienzen, was für uninformierte Teilnehmer zu Verlusten führen kann.

Liquiditätsrisiko

Die Liquidität auf dezentralen Handelsplätzen ist im Vergleich zu Primärmärkten oft gering ("thin markets").

  • Slippage: Grosse Orders können den Preis signifikant bewegen.
  • Exit-Risiko: In Stressphasen kann es schwierig sein, Positionen ohne erhebliche Abschläge zu liquidieren.

Emittentenrisiko (Counterparty Risk)

Da der Token eine Forderung gegenüber dem Emittenten darstellt, ist dessen Bonität entscheidend.

  • Im Falle einer Insolvenz des Emittenten oder der Verwahrstelle ist der Zugriff auf die Basiswerte rechtlich komplex und nicht garantiert.
  • Es besteht kein direkter Anspruch gegenüber der Aktiengesellschaft (z. B. Tesla).

Regulatorische Unsicherheit

Die Klassifizierung tokenisierter Wertpapiere variiert global stark. Behördliche Eingriffe können die Handelbarkeit von Tokens abrupt einschränken oder Emittenten zur Einstellung des Dienstes zwingen (Geoblocking, KYC-Pflichten).

Technisches Risiko

Die Infrastruktur basiert auf Smart Contracts.

  • Programmierfehler (Bugs) oder Exploits in der Token-Bridge oder den Oracles können zum Totalverlust führen.
  • Die Unveränderlichkeit der Blockchain bedeutet, dass fehlerhafte Transaktionen nicht rückgängig gemacht werden können.


5. Strategische Anwendungsfelder

Trotz der Risiken etablieren sich tokenisierte Aktien für spezifische institutionelle und fortgeschrittene Strategien.

  • On-Chain Treasury Management: DAOs und Web3-Unternehmen nutzen tokenisierte RWAs, um Krypto-Bestände in stabilere Assetklassen zu diversifizieren, ohne das Blockchain-Ökosystem zu verlassen.
  • DeFi-Integration: Nutzung von Aktien-Token als Sicherheit (Collateral) für Kredite, was die Kapitaleffizienz erhöht.
  • Arbitrage: Professionelle Händler nutzen Preisdifferenzen zwischen den Märkten als Alpha-Quelle.

6. Fazit

Tokenisierte Aktien definieren die Schnittstelle zwischen traditionellen Finanzmärkten und DeFi neu. Sie bieten technologische Vorteile wie sofortige Abwicklung und globale Verfügbarkeit.

Gleichzeitig transferieren sie Risiken auf den Anleger, die in regulierten Märkten durch Intermediäre und Schutzmechanismen abgefedert werden. Der 24/7-Handel erfordert daher ein tiefes Verständnis der technischen und ökonomischen Mechanismen. Es handelt sich um Instrumente für professionell agierende Marktteilnehmer, die Volatilität und Liquiditätsrisiken aktiv managen können.

FAQ

Preisabweichungen entstehen primär durch geringere Liquidität auf dezentralen Handelsplätzen und das Fehlen eines aktiven Referenzmarktes ausserhalb der regulären Börsenzeiten. Da Arbitrage-Mechanismen nachts oft nur eingeschränkt greifen, wird der Preis rein durch Angebot und Nachfrage im Krypto-Markt bestimmt.

Als Inhaber halten Sie in der Regel keine direkte Aktie, sondern eine schuldrechtliche Forderung gegenüber dem Emittenten. Im Insolvenzfall hängt die Durchsetzbarkeit Ihrer Ansprüche von der rechtlichen Ausgestaltung des Produkts (z. B. SPV-Struktur) und der Jurisdiktion ab. Es besteht ein signifikantes Gegenparteirisiko.

Die steuerliche Einordnung ist komplex und länderabhängig. Sie können als Wertpapiere, Derivate oder Krypto-Assets klassifiziert werden. Dies hat Auswirkungen auf Haltefristen und die Art der Besteuerung. Eine professionelle steuerliche Beratung ist dringend empfohlen.

Ein Aktiensplit muss vom Emittenten technisch im Smart Contract nachvollzogen werden. Erfolgt dies nicht korrekt oder zeitnah, kann es zu Diskrepanzen zwischen dem Token und dem Basiswert kommen. Anleger sind hier auf die technische Kompetenz und Zuverlässigkeit des Emittenten angewiesen.