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Alternative Blockchains aus der Risikoperspektive

Kurz gesagt:

Alternative Blockchains wie Solana bieten technische Innovationen, scheitern aber an Kernanforderungen: fehlende Markttiefe, Netzwerkausfälle, volatile Governance und unreifes Ökosystem. Für signifikantes Kapital bleiben Bitcoin und Ethereum die validen Optionen.

1. Einleitung

Die Unterstützung verschiedener Blockchains ist ein häufiger Diskussionspunkt. Von Analysetools wird erwartet, dass sie das gesamte Ökosystem abdecken.

Die Marktdaten zeichnen ein anderes Bild. Stand Januar 2026 entfallen über 95% des in DeFi-Protokollen gebundenen Kapitals (Total Value Locked) auf Ethereum und dessen Layer-2-Lösungen. Alternative Layer-1-Blockchains wie Solana, Avalanche oder Cardano teilen sich den Rest.

Diese Analyse betrachtet alternative Blockchains aus Sicht des Risikomanagements. Die zentrale Frage: Erfüllen Netzwerke wie Solana die Anforderungen an Finanzinfrastruktur?


2. Technische Lösungen für theoretische Probleme

2.1. Skalierbarkeit

Viele Krypto-Netzwerke optimieren für Engpässe, die in der Praxis keine primären Hürden darstellen. Das bekannteste Beispiel: Skalierbarkeit um jeden Preis.

Solana bewirbt ~65.000 Transaktionen pro Sekunde (TPS). In der Praxis liegt der Durchschnitt bei ~1.000 TPS für echte Nutzer-Transaktionen. Ethereum L1 schafft ~25 TPS. Mit Layer-2-Lösungen erreicht das Ökosystem über 24.000 TPS.

Kriterium Relevanz bei kleineren Volumina Relevanz bei grösseren Volumina
Transaktionsgeschwindigkeit Hoch Niedrig
Transaktionskosten (Gas) Hoch Niedrig
Markttiefe (Liquidität) Niedrig Kritisch
Netzwerk-Uptime Mittel Kritisch
Regulatorische Klarheit Niedrig Kritisch

Bei grösseren Allokationen verschieben sich die Prioritäten. Transaktionskosten von 0.01 $ oder 5 $ sind bei grösseren Volumina vernachlässigbar. Entscheidend ist, ob der Markt liquide genug ist, um Positionen ohne massiven Preiseinfluss (Slippage) zu bewegen.

2.2. Das Custody-Problem

Die sichere Verwahrung digitaler Assets (Custody) ist ein weiterer Engpass. Das Prinzip "Be your own bank" scheitert an operativen Realitäten.

Die Lagerung von Private Keys ist komplex und fehleranfällig. Regulierte Investoren sind gesetzlich verpflichtet, qualifizierte Verwahrer einzusetzen.

Alternative Blockchains verschärfen dieses Problem:

  • Weniger standardisierte Wallet-Lösungen
  • Kaum Verwahrungsangebote (Coinbase Custody, Fireblocks etc. priorisieren ETH/BTC)
  • Höheres operationelles Risiko durch Fragmentierung

Ohne etablierte Custody-Infrastruktur bleibt der Marktzugang für regulierte Investoren eingeschränkt.



3. Risiken bei alternativen Chains

Die technischen Verkaufsargumente alternativer Blockchains (Geschwindigkeit, niedrige Gebühren, hoher Durchsatz) adressieren sekundäre Probleme.

3.1. Liquiditätsrisiken

Das zentrale Problem: fehlende Markttiefe (Liquidity Depth).

In normalen Marktphasen ist dies unsichtbar. In Stressphasen wird es kritisch. Die Fähigkeit, eine Position schnell und ohne massiven Preiseinfluss zu liquidieren, ist das Fundament professioneller Risikosteuerung.

Ethereum hat seine Resilienz mehrfach bewiesen:

  • März 2020 ("Black Thursday"): ETH fiel um ~50% an einem Tag. Die grossen DeFi-Protokolle (Maker, Compound) blieben funktional.
  • Mai 2021: Crash von ~40%. Die Märkte absorbierten die Volumina.
  • November 2022 (FTX-Kollaps): Trotz extremer Panik blieben On-Chain-Märkte liquide.

Alternative Chains haben ein strukturelles Problem: Ihre Alleinstellungsmerkmale reichen nicht aus, um dauerhaft Kapital zu binden. Häufig handelt es sich um opportunistisches Kapital (Mercenary Capital), das durch temporäre Anreize (Airdrops, hohe APYs) angelockt wird. Enden diese Anreize, fliesst die Liquidität ab.

Beispiel Solana DeFi TVL:

Zeitraum Solana TVL Ethereum TVL Solana-Anteil
November 2021 (Peak) ~12 Mrd. $ ~110 Mrd. $ ~10%
Januar 2023 (Post-FTX) ~0.2 Mrd. $ ~30 Mrd. $ ~0.6%
Januar 2026 ~8 Mrd. $ ~85 Mrd. $ ~9%

Die Volatilität des auf Solana gebundenen Kapitals zeigt die Fragilität des Ökosystems.

3.2. Der Lindy-Effekt

Im Risikomanagement ist der Lindy-Effekt ein valider Indikator: Die erwartete verbleibende Lebensdauer einer Technologie steigt mit ihrer bisherigen Existenz.

Netzwerk Launch Alter Schwere Ausfälle Status
Bitcoin 2009 17 Jahre 0 (seit 2013) Battle Tested
Ethereum 2015 11 Jahre 0 Totalausfälle Battle Tested
Solana 2020 6 Jahre >10 dokumentiert Experimentell
Avalanche 2020 6 Jahre Mehrere Experimentell

Bitcoin und Ethereum haben diverse Marktzyklen, technische Angriffe und kritische Bugs überstanden.

Alternative Layer-1-Blockchains müssen diesen Reifegrad erst beweisen. Netzwerke, die regelmässige Neustarts erfordern oder unter Last instabil werden, qualifizieren sich nicht als Basisinfrastruktur für Finanzanwendungen.

3.3. Dezentralisierung als Risikomitigation

Dezentralisierung dient als Schutz gegen:

  • Zensur und Sperrung von Transaktionen
  • Regulatorische Eingriffe in einzelne Jurisdiktionen
  • Technisches Versagen (Single Point of Failure)

Zentralisierte Strukturen sind nicht per se negativ, solange die kontrollierende Entität transparent und reguliert agiert. Das Problem alternativer Blockchains: Sie bieten oft weder die Sicherheit etablierter Finanzinstitute noch die Zensurresistenz von Bitcoin.

Fallbeispiel Solana:

Solana betreibt ein Netzwerk mit hohen Hardware-Anforderungen für Validatoren. Das führt zu einer Konzentration auf wenige Betreiber. Im Februar 2023 kontrollierten die Top-33 Validatoren über 33% des Stakes.

Dokumentierte Netzwerkausfälle:

  • September 2021: 17 Stunden Totalausfall
  • Januar 2022: Mehrere Stunden Ausfall
  • Februar 2023: 20 Stunden Ausfall
  • Februar 2024: 5 Stunden Ausfall

Zeiträume, in denen Assets technisch nicht transferierbar sind, stellen ein erhebliches Risiko dar.

3.4. Governance- und Upgrade-Risiken

Viele alternative Netzwerke können Protokolländerungen kurzfristig durch kleine Validator- oder Entwicklergruppen beschliessen. Aus technischer Sicht ist das effizient. Aus Risikosicht ist es problematisch.

Change-Risiken:

  • Jede ungeplante Hard Fork kann Smart Contracts brechen
  • Parameter-Updates können Liquidationsschwellen verschieben
  • Tokenomics können nachträglich geändert werden

Bitcoin und Ethereum agieren konservativer. Ein Ethereum-Upgrade durchläuft jahrelange Diskussionen, mehrere Testnetz-Phasen und breite Community-Abstimmung. Diese Trägheit schafft Planungssicherheit.

3.5. Smart-Contract- und Ökosystem-Risiken

Risiken entstehen auch im Applikations-Ökosystem. Alternative Chains weisen strukturelle Schwächen auf:

Risikofaktor Ethereum Alternative Chains
Smart-Contract-Standards ERC-20, ERC-721, ERC-1155 (etabliert) Fragmentiert
Entwickler-Community ~4.000+ aktive Core-Devs Oft <500
Audit-Anreize Hoch (hohes TVL = hohe Bounties) Niedrig
Dokumentierte Exploits Viele, daraus gelernt Viele, oft wiederholt

Die Folge: eine höhere Frequenz an Exploits und Hacks im Verhältnis zum verwalteten Kapital.



4. Die Rendite-Illusion

Ein häufiges Argument für alternative Chains: "Die Renditen sind höher." Das stimmt kurzfristig. Es ignoriert jedoch die Risikoadjustierung.

Höhere Yields signalisieren höheres Risiko. Ein Staking-APY von 15% auf Solana gegenüber 4% auf Ethereum ist kein besseres Angebot. Es ist eine Risikoprämie für:

  • Netzwerkinstabilität
  • Geringere Liquidität
  • Governance-Unsicherheit
  • Smart-Contract-Risiken

Die Frage vor jeder Allokation: Womit wird diese Rendite vergütet?

Eine Rendite von 15% mit hoher Volatilität und Ausfallrisiko kann weniger attraktiv sein als 4% auf stabiler Basis (risikoadjustierte Rendite).

5. Ausblick

Alternative Blockchains sind nicht per se uninteressant. Sie sind derzeit unreif. Folgende Entwicklungen könnten die Bewertung ändern:

  1. Nachgewiesene Stabilität: Zwei bis drei Jahre ohne schwere Ausfälle unter realer Last.
  2. Custody-Integration: Anbindung bei etablierten Verwahrern (Coinbase Custody, Fidelity, etc.).
  3. Regulatorische Klarheit: Explizite Einordnung durch SEC, BaFin oder FINMA.
  4. Liquiditätstiefe: Dauerhaft signifikantes TVL ohne Incentive-Abhängigkeit.
  5. Ökosystem-Reife: Standardisierte, vielfach auditierte Smart-Contract-Bibliotheken.

Solana und andere Layer-1-Chains zeigen Fortschritte. Aus Risikosicht sind sie aktuell Experimente.

6. Fazit

Aus der Risikoperspektive sind folgende Kriterien für eine Allokation entscheidend:

  • Liquidität: Effiziente Exits auch in Stressphasen
  • Stabilität: Nachgewiesene technische Zuverlässigkeit (Uptime >99.9%)
  • Vorhersehbarkeit: Stabile Governance, geringe Änderungsrisiken
  • Reife: Etabliertes Ökosystem mit Sicherheitsstandards

Aktuell erfüllen primär Bitcoin und Ethereum diese Anforderungen. Alternative Blockchains bieten technologische Innovationen, stellen aus Risikosicht jedoch eine Addition unvergüteter Risiken dar.

Höhere theoretische Renditen auf alternativen Chains müssen gegen das erhöhte Ausfall- und Illiquiditätsrisiko verrechnet werden.