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Zwischen Stablecoins und CBDCs: Die neue Rolle der Banken im digitalen Geldsystem

1. Der dritte Weg: Zwischen DeFi-Risiko und Zentralbank-Utopie

Während sich CBDCs noch mit Pilotprojekten in PDF-Form über Wasser halten und Stablecoins in regulatorischen Grauzonen parken, basteln Banken an ihrer eigenen Version von digitalem Geld - und nennen das Ganze: Crypto Deposit Token. Klingt erstmal nach digitalem Girokonto mit Buzzword-Aufladung. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Hier könnte sich leise eine neue Form des digitalen Zahlungsversprechens etablieren - mit Banklizenz, aber ohne den Hauch von Dezentralität.
Vielleicht ist das gut. Vielleicht ist es gefährlich. Wahrscheinlich beides.


2. Was sind Crypto Deposit Tokens?

Crypto Deposit Tokens - kurz: CDTs - sind tokenisierte Bankeinlagen. Klingt unspektakulär? Ist es auf den ersten Blick auch. Denn technisch gesehen handelt es sich einfach um digitale Abbildungen von Sichtguthaben bei einer regulierten Bank, die auf einer Blockchain emittiert werden. Kein wildes Algorithmus-Konstrukt, kein Magic Internet Money. Sondern: Ein digitaler Anspruch auf Fiat - nur eben programmierbar, auditierbar und (theoretisch) 24/7 verfügbar.

Der Unterschied zu Stablecoins liegt im Detail: Während USDC, Tether & Co. in Treuhandkonstrukten stecken und meist ausserhalb klassischer Bankenlandschaften operieren, sind CDTs direkt in den Bankbilanzen verankert. Sie tragen das Emittentenrisiko der Bank - nicht das eines FinTechs mit Sitz auf den Bahamas.

Das macht sie regulierter, vertrauenswürdiger - aber eben auch kontrollierter. Dezentral ist hier wenig. Und das ist genau so gewollt.



3. Warum das plötzlich wichtig ist

Die Idee von tokenisierten Einlagen waberte jahrelang als akademisches Konzept durch regulatorische PDF-Landschaften. Doch jetzt wird gebaut - und zwar nicht von Startups, sondern von Schwergewichten: JP Morgan mit dem JPM Coin, UBS mit ihren tokenisierten Schuldverschreibungen, Projekte der BIS in Singapur und Europa. Der Markt signalisiert: Es gibt Bedarf an einem digitalen Zahlungsmittel, das zugleich vertrauenswürdig, sofort abwickelbar und compliance-kompatibel ist.

Tokenisierte Assets sind längst Realität - Bonds, Fondsanteile, sogar Immobilien. Was fehlt, ist das passende Settlement-Asset. Und genau hier betreten CDTs die Bühne: Sie bieten ein rechtlich abgesichertes, bankinternes Zahlungsmittel, das sich nahtlos in Smart Contracts und On-Chain-Finanzflüsse einfügt.

Kurz gesagt: Wenn du Wertpapiertransaktionen auf der Blockchain abwickeln willst, brauchst du irgendwann auch Geld, das sich dort bewegt - ohne auf Tether zu hoffen oder auf eine EZB zu warten.


4. Die Risiken - altbekannt, aber digitalisiert

Wer bei Crypto Deposit Tokens nur das Wort „Blockchain“ hört und sofort an Transparenz, Sicherheit und Innovation denkt, sollte kurz durchatmen. Denn viele der Risiken sind weder neu noch besonders „crypto“ - sie sind nur hübsch verpackt.

An erster Stelle steht das Kontrahentenrisiko: CDTs sind keine Zentralbanktokens, sondern Forderungen gegenüber einer Bank. Geht der Emittent pleite, hilft dir auch der schönste Smart Contract nichts. Dazu kommt das Risiko der Fragmentierung - wenn jede Bank ihr eigenes Token-Netzwerk betreibt, entsteht ein Flickenteppich an Liquidität und Kompatibilität.

Und dann ist da noch die Sache mit der Kontrolle: CDTs sind so reguliert, wie es das jeweilige Institut und der Gesetzgeber wünschen. Whitelists, Blacklists, Admin-Keys - alles möglich, alles legal. Wer hier von „DeFi-kompatibel“ spricht, meint meist „KYC-freundlich, zensierbar und rückholbar“.

Mit anderen Worten: CDTs sind kein DeFi - sie sind ein digitaler Layer für bestehende Machtstrukturen. Ob das ein Fehler ist oder ein Feature, muss jeder selbst entscheiden.


5. CBDCs vs. CDTs vs. Stablecoins - Wer will hier eigentlich was?

Die einen wollen Kontrolle, die anderen Vertrauen, die dritten einfach nur Transaktionsgebühren. Willkommen im Dreikampf um das digitale Geld von morgen.

CBDCs kommen von Zentralbanken - langsam, schwerfällig, politisch aufgeladen. Sie sollen Geld sicherer, demokratischer, transparenter machen. So zumindest das Narrativ. In der Praxis: Trial & Error mit geopolitischem Beigeschmack.

Stablecoins hingegen sind schnell, global, effizient - und regulatorisch oft eine Katastrophe. Hinter USDT, USDC oder FRAX stehen Firmen, deren Bilanzen man entweder nicht kennt oder nicht kennen will. Aber sie funktionieren - in der Praxis besser als vieles, was Staaten je auf die Beine gestellt haben.

Und dann stehen da CDTs: das gut frisierte Mittelmass. Herausgegeben von Banken, kontrolliert, rückholbar, sauber reguliert. Sie versprechen die digitale Zukunft - ohne dabei die Institutionen von gestern zu gefährden. Kein Wunder, dass Regulatoren sich damit wohler fühlen als mit einem Stablecoin auf Bermuda oder einer EZB-CBDC mit Datenschutzdebatte im Anhang.

Kurzum: Wer CDTs versteht, versteht auch, wie das Geldsystem versucht, sich neu zu erfinden - ohne dabei zu viel zu ändern.



6. Use Cases - wo es wirklich spannend wird

Die Theorie klingt gut, aber wo kommen Crypto Deposit Tokens tatsächlich zum Einsatz? Überraschung: Überall dort, wo heute noch Excel-Tabellen, Faxgeräte oder zwei Tage Settlementzeit normal sind.

Im Kapitalmarkt etwa ermöglichen CDTs ein echtes Delivery-vs-Payment für tokenisierte Anleihen oder Fonds - ohne Clearingstelle, ohne 72-Stunden-Risiko. In der Unternehmenswelt bieten sie eine neue Basis für automatisiertes Treasury-Management: FX-Swaps, dynamische Cash-Pooling-Strukturen oder On-Chain-Factoring lassen sich so direkt, regelbasiert und nachvollziehbar abwickeln.

Auch im Bereich Real-World Assets (RWAs) könnten CDTs zum Standard werden. Denn tokenisierte Immobilien, Kredite oder Handelsforderungen bringen wenig, wenn das Settlement wieder analog läuft. Der CDT als komplementäres Zahlungsmittel schliesst genau diese Lücke - und zwar in einem Rahmen, der regulatorisch sauber bleibt.

Sogar im DeFi-Umfeld wird es interessant: Wenn Protokolle institutionelle Investoren onboarden wollen, brauchen sie Zahlungsmittel, die mit Compliance leben können. CDTs könnten hier als „DeFi with seatbelt“ dienen - nicht dezentral, aber kompatibel genug, um Kapitalflüsse jenseits der Krypto-Natives zu ermöglichen.


7. Fazit - Zwischen Kontrollillusion und echter Chance

Crypto Deposit Tokens sind kein Hype - sie sind das logische Ergebnis eines Finanzsystems, das digital werden will, ohne sich neu erfinden zu müssen. Sie bieten Effizienz, Programmierbarkeit und regulatorische Anschlussfähigkeit. Aber sie übernehmen auch alle Altlasten klassischer Bankstrukturen - in neuer Verpackung.

Wer hier von Innovation spricht, muss auch von Macht sprechen. Denn CDTs verändern nicht das Spiel - sie verschieben nur die Spielfläche. Vom Papiergeld zur Wallet, vom Konto zum Smart Contract. Aber immer noch mit denselben Spielern am Tisch.

Ob das reicht, um die Versprechen digitaler Währungen einzulösen? Wahrscheinlich nicht. Aber es könnte genau das sein, was der Markt will: Vertrauen mit Rückgaberecht. Digital, aber reversibel. Smart, aber bitte mit Aufsicht.

Vielleicht ist das nicht die Zukunft von Geld. Aber es ist die Zukunft von Zahlungsinfrastruktur. Und manchmal ist das fast dasselbe.

FAQ

Aktuell ist die Nutzung in offenen DeFi-Protokollen kaum möglich. CDTs unterliegen regulatorischen Einschränkungen wie Whitelisting, KYC oder Blacklisting-Mechanismen - was mit der offenen, permissionless Architektur klassischer DeFi-Protokolle unvereinbar ist. Das Risiko liegt in der fehlenden Komposierbarkeit: Wer CDTs hält, ist von wenigen, meist geschlossenen Ökosystemen abhängig und kann sie nicht flexibel einsetzen wie USDC oder DAI.

Nur unter bestimmten Bedingungen - etwa über OTC-Schalter oder spezialisierte Plattformen, sofern regulatorisch zulässig. Ein direkter, permissionless Tausch auf einem DEX ist aktuell nicht vorgesehen. Das Hauptrisiko ist die eingeschränkte Liquidität: Wer CDTs hält, trägt das Konvertierungsrisiko - insbesondere in Stressphasen, in denen Rücktausch in Fiat oder Swap in Stablecoins schwierig oder unmöglich wird.

Der Anwendungsbereich ist derzeit begrenzt: CDTs eignen sich primär für Settlement in privaten Netzwerken, unternehmensinterne Treasury-Flows oder regulierte Token-Marktplätze. Für klassische DeFi-Nutzer bleibt der Nutzen gering. Das Risiko besteht darin, dass Investoren die On-Chain-Fähigkeit überschätzen - und die tatsächliche Infrastrukturnutzung deutlich eingeschränkter ist als bei etablierten Stablecoins.

Ja. Da CDTs direkt mit einem regulierten Bankkonto verknüpft sind, ist jede Transaktion identifizierbar. Es gelten KYC- und AML-Pflichten, die eine vollständige Nachverfolgung erlauben. Das Risiko für Nutzer: fehlende Privatsphäre, mögliche regulatorische Zugriffe im In- oder Ausland und eine potenzielle Datenweitergabe bei Audits oder staatsübergreifenden Abfragen.

CDTs sind Forderungen gegenüber einer Bank - keine unabhängigen digitalen Assets. Im Insolvenzfall besteht das Risiko, dass Rücktausch in Fiat nicht mehr möglich ist. Zwar greifen in manchen Jurisdiktionen Einlagensicherungssysteme, aber ob und wie diese für tokenisierte Forderungen gelten, ist rechtlich oft unklar. Im Worst Case droht ein Totalverlust - insbesondere bei systemischen Bankenkrisen.

Ja. Derzeit entwickelt jede Bank ihre eigene Infrastruktur - es fehlen gemeinsame Standards oder Brückenprotokolle. Dadurch entstehen fragmentierte Token-Systeme mit geringer Netzwerkeffizienz. Das Risiko: geringere Liquidität, erschwerte Skalierbarkeit und das Entstehen von „geschlossenen Inseln“ ohne echten Marktanschluss.

CDTs bewegen sich am Übergang zwischen Bankrecht, Zahlungsdienstegesetz und Token-Regulierung. Je nach Jurisdiktion können rechtliche Auslegung, Aufsicht und Durchsetzbarkeit variieren. Das Risiko liegt in regulatorischer Intransparenz: Änderungen im Rechtsrahmen oder restriktive Auslegungen können die Nutzbarkeit und Legalität von CDTs stark beeinflussen.