DE EN

Dezentralisierung ist schön. Aber will sie überhaupt jemand?

Kurz gesagt:

Blockchain erinnert mich zunehmend an Linux. Technisch faszinierend, unabhängig und mit einer überzeugten Community. Doch die meisten Menschen interessiert das nicht. Ethereum hat seine ursprünglich einheitliche Finanzinfrastruktur fragmentiert, während die traditionelle Finanzwelt zunehmend selbst tokenisiert. Vielleicht wird Blockchain eines Tages unsichtbare Infrastruktur. Ob dafür ETH und tausend andere Kryptowährungen gebraucht werden, ist eine andere Frage.

1. Was ist Linux?

Hast du schon mal von Linux gehört? Wahrscheinlich nicht, es sei denn, du stammst aus der IT Branche. Dort löst es gemischte Gefühle aus, obwohl es einen Grossteil der Server im Internet betreibt.

Was hat das mit Blockchain zu tun?

Nun, Linux arbeitet gefühlt seit Jahrzehnten an seiner Massenadoption. Frei, unabhängig, sicher und natürlich besser als die Konkurrenz. Es gibt kaum etwas, das Linux nicht kann. Fast jeder Server läuft damit, dein Android Smartphone basiert darauf und trotzdem arbeitet kaum jemand auf seinem Laptop damit.

Warum? Weil die meisten Menschen einfach einen Computer benutzen möchten. Sie interessieren sich nicht dafür, ob ihr Betriebssystem unabhängig ist.

Und damit wären wir bei Blockchain.

2. Die ewige Massenadoption

Seit über einem Jahrzehnt steht Blockchain kurz vor dem Durchbruch.

Bitcoin sollte unser Geld ersetzen, Ethereum die Finanzwelt revolutionieren. Dann kamen NFTs, das Metaverse, Web3 und DeFi. Inzwischen sollen sich sogar AI Agents gegenseitig mit Kryptowährungen bezahlen.

Wozu eigentlich? Wir haben Banking APIs.

Ich habe selbst lange an die Vision von Ethereum geglaubt. Ein gemeinsames Netzwerk für Finanzprodukte, Kredite und Wertpapiere. Ohne unzählige Intermediäre und proprietäre Systeme.

Die Idee überzeugt mich noch immer. Nur frage ich mich zunehmend, ob die Welt sie überhaupt braucht.

3. Dezentralisierung wurde überschätzt

Der gewöhnliche Anleger möchte Wertpapiere kaufen, sein Vermögen verwalten und bei Problemen jemanden anrufen können.

Blockchain bietet ihm stattdessen Seed Phrases, Private Keys und unumkehrbare Transaktionen.

Immerhin ist er unabhängig.

Natürlich gibt es gute Gründe für finanzielle Selbstbestimmung. Aber vielleicht möchte die Mehrheit gar nicht ihre eigene Bank sein.

Sie möchte einfach eine gute Bank.

Dezentralisierung ist eine technische Eigenschaft. Kein Geschäftsmodell und schon gar kein Bedürfnis, das man jedem Menschen unterstellen sollte.

4. Ethereum hat sein grösstes Versprechen beschädigt

Besonders enttäuscht hat mich die Entwicklung von Ethereum.

Die ursprüngliche Stärke von DeFi war die gemeinsame Infrastruktur. Anwendungen konnten unmittelbar miteinander interagieren und auf dieselbe Liquidität zugreifen.

Dann wurden Transaktionen teuer.

Die Lösung? Mehr Netzwerke!

Arbitrum, Base, Optimism und viele weitere. Jedes mit eigenen Anwendungen, Liquiditätspools und Sicherheitsrisiken.

Plötzlich benötigen wir Bridges, um Vermögenswerte zwischen Netzwerken zu übertragen. Zusätzliche Vertrauensannahmen und neue Angriffsflächen inklusive.

Wir wollten ein gemeinsames Finanzsystem und haben eine Ansammlung miteinander verbundener Finanzsysteme geschaffen.

Inzwischen arbeitet Ethereum daran, diese Fragmentierung wieder zu beheben. Technisch durchaus beeindruckend.

Nur entwickeln die einzelnen Netzwerke längst eigene wirtschaftliche Interessen. Die lassen sich nicht mit einem Ethereum Upgrade beseitigen.

5. Billig ist nicht automatisch besser

Solana wird gerne für seine Geschwindigkeit und niedrigen Gebühren gefeiert.

Aber was wird dort eigentlich gehandelt?

Ein erheblicher Teil der Aktivität besteht aus spekulativem Tokenhandel, darunter unzählige Memecoins. Natürlich gibt es auch ernsthafte Finanzanwendungen.

Trotzdem macht eine Million Memecoin Transaktionen noch keine globale Finanzinfrastruktur.

Auch das Argument möglichst niedriger Gebühren überzeugt mich nicht grundsätzlich.

Wenn ich Wertpapiere im Wert von 50'000 Franken übertrage, zahle ich lieber fünf Franken für eine sichere Abwicklung, als mich wegen ein paar Rappen Ersparnis mit Bridges und zusätzlichen Risiken herumzuschlagen.

Gebühren bepreisen knappe Ressourcen. Sie erschweren auch Spam.

Und bei Ethereum stellt sich inzwischen eine weitere Frage: Wenn immer mehr Aktivität auf günstigen zusätzlichen Netzwerken stattfindet, wie viel wirtschaftlicher Wert kommt davon eigentlich noch bei ETH an?

Ethereum könnte technologisch erfolgreich werden, ohne dass ETH Anleger besonders davon profitieren.

6. Blockchain funktioniert. Nur wofür?

Es gibt durchaus sinnvolle Anwendungen.

Stablecoins ermöglichen günstige internationale Überweisungen, gerade in Ländern mit schlechtem Bankenzugang. Unabhängige Vermögensverwahrung kann dort ebenfalls einen echten Nutzen haben, wo staatliche Institutionen wenig Vertrauen geniessen.

Das ist relevant. Aber ist es die versprochene Revolution des globalen Finanzsystems?

Spannender finde ich die Tokenisierung traditioneller Vermögenswerte. Aktien, Anleihen und Fonds könnten künftig auf einer gemeinsamen Infrastruktur existieren.

Nur beschäftigt sich die klassische Finanzwelt längst selbst damit.

Banken und Zentralbanken entwickeln tokenisierte Einlagen, gemeinsame Abwicklungsplattformen und programmierbare Finanzinstrumente.

Dafür braucht es nicht zwangsläufig Ethereum. Nicht einmal zwingend eine Blockchain.

Wenn meine Bank mir eines Tages dieselben Möglichkeiten einfacher und sicherer anbietet, warum sollte ich dann noch eine eigene Wallet benötigen?

Wegen der Dezentralisierung?

Da wären wir wieder beim Anfang.

7. Das Linux der Finanzwelt

Vielleicht wird Blockchain irgendwann tatsächlich erfolgreich.

Nicht als Revolution, sondern als Infrastruktur, die im Hintergrund arbeitet. So wie Linux.

Menschen nutzen dann weiterhin ihre Banking Apps, während Banken und Finanzdienstleister tokenisierte Vermögenswerte verwalten.

Niemand muss wissen, welche Technologie dahintersteckt.

Das wäre ein durchaus vernünftiges Ergebnis. Allerdings nicht unbedingt für die vielen Kryptowährungen, deren Wert mit einer angeblich bevorstehenden Massenadoption begründet wird.

Linux hat schliesslich auch keinen nativen Token gebraucht, um erfolgreich zu werden.

Vielleicht haben Kryptoanleger die technologische Entwicklung richtig eingeschätzt, aber die falschen Schlüsse für ihre Investments gezogen.

Ich halte die ursprüngliche Vision von Ethereum weiterhin für faszinierend. Aber nach Jahren mit DeFi, komplizierten Wallets und immer neuen Netzwerken bin ich deutlich skeptischer geworden.

Dezentralisierung hat ihren Wert. Nur vielleicht nicht den, den wir ihr jahrelang zugeschrieben haben.

Und wer weiss, vielleicht gelingt Ethereum doch noch der grosse Durchbruch.

Linux arbeitet schliesslich auch noch daran.